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Fachkolumne.

Leitartikel


Ansprüche an die Medizin

"Wer krank ist, der leidet, sucht Heilung und Trost. In diesem Zustand ist jede Sehnsucht erlaubt. Daher sind die Hoffnungen und Wünsche von Patienten ebenso einleuchtend wie eindeutig. Erstens: Jeder Kranke will individuell und umfassend behandelt werden. Das heißt, dass nicht nur das akute Leiden, sondern auch andere Zipperlein sowie alle Vorlieben und Laster für die Therapie berücksichtigt werden sollten. Nicht zu vergessen die Familiensituation, das soziale Umfeld und das psychische Befinden. Zweitens sollte die Behandlung natürlich dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen. Drittens wünschen sich Kranke eine Therapie, die wirkt, bei der aber keine Nebenwirkungen oder Komplikationen auftreten." So skizzierte jüngst Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Der einsame Patient" (Heft 179, Seite 4) die hohen Erwartungen an die moderne Medizin.

Der enorme Wissenszuwachs in der Medizin und eine sich daraus zum Teil zwangsläufig ergebende zunehmende Spezialisierung und Technisierung hat das traditionell große Vertrauen in die Ärzteschaft allerdings nicht weiter gestärkt. Vielfach scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein, wenn etwa erlebt wird, dass die Begegnung mit der Ärztin oder dem Arzt als Vertrauensperson leider zu kurz kommt. Ein inzwischen schon bedenklich hoher ärztlicher Verwaltungsaufwand trägt offenbar das Seinige zu dieser Situation bei. Manche Hilfesuchende wenden sich dann auch an fragwürdige Heilsanbieter, die möglicherweise Placebo-Effekte zu nützen wissen, sich aber aus "gutem Grund" jeder wissenschaftlichen Auseinadersetzung entziehen.

Doch nicht nur die PatientInnen sondern auch die Ärzteschaft selbst ringt um einen sinnvollen Umgang mit den genannten Ansprüchen, denen die Arzt - Patient Beziehung oft nur schwer oder auch gar nicht gerecht werden kann. Der verständliche Patientenwunsch, dass das, was wirkt, ohne Nebenwirkungsrisiko stattfinden sollte, ist leider meist illusionär. Und das, was nach wissenschaftlicher Erkenntnis im Allgemeinen wirkt, berücksichtigt nicht automatisch auch ausreichend das Individuelle. Was ist zu tun? Ist diese Situation überhaupt einigermaßen auflösbar?

Innerhalb der Medizin steht der durchaus unterschiedlich diskutierte Begriff Psychosomatik auch stellvertretend für das allgemeine ärztliche Bemühen, sich in der Begegnung mit dem Patienten der Komplexität von individueller Gesundheit und Krankheit ebenso zu stellen wie dem wissenschaftlichen Anspruch der Medizin. In Österreich haben in den letzten Jahren über 2000 AllgemeinmedizinerInnen und FachärztInnen Zusatzdiplome in den Bereichen Psychosomatik und Psychotherapie erworben und sich auf diese Weise entsprechend spezialisiert, um gemeinsam mit anderen qualifizierten Berufsgruppen zu einer bestmöglichen biopsychosozial orientierten Versorgung beizutragen. Mit dieser Spezialisierung innerhalb der Medizin wird aber auch ein Signal für eine angestrebte biopsychosoziale Orientierung in allen Bereichen der Medizin gesetzt. Das Netzwerk Psychosomatik Österreich ist nicht zuletzt in diesem Zusammenhang als eine Informationsplattform für PatientInnen und ÄrztInnen zu verstehen, die auf die entsprechenden psychosomatischen Behandlungsangebote in Österreich hinweist und dazu einladen will, diese zu nützen.

Die eingangs genannten Ansprüche an die Medizin bergen in sich das Risiko von Enttäuschung auf der einen und Überforderung auf der anderen Seite. Ein realitätsbezogener Umgang mit den konkreten Möglichkeiten und Grenzen in der jeweiligen Arzt- Patient Beziehung, aber auch mit eigener Gesundheit bzw. eigener Krankheit ist daher gefragt. Für uns Ärztinnen und Ärzte mag dies bedeuten, noch deutlicher als bisher unser jeweiliges Behandlungsangebot zu vermitteln. Ein kluger Umgang mit eigener Gesundheit und Krankheit mag wiederum beinhalten, zum einen das Gesundheitssystem gezielt zu nützen und dabei zum anderen die zentrale Bedeutung der Selbstverantwortung für die eigene Person und die eigene Lebensgestaltung nicht aus den Augen zu verlieren.

Univ.Ass. Dr. Christian Fazekas